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Kriminalinspektore gibt es nur im Krimi
Ein Interview mit Kriminalhauptkommissarin Birgit Spier

Wie wird man Polizistin? Birgit Spier ist Kripobeamtin in Berlin und zuständig für die
Taschendiebstahlabteilung. Sie erzählt über ihren Beruf den Kinderreportern des Bösen Wolfes

 

Gehört zum Werkzeug eines Polizisten: Handschellen und Waffen - Interview Kripobeamtin Birgit Spier, zuständig für die Taschendiebabteilung

Ich habe Krimis gelesen >>>

Frauen bei der Kriminalpolizei >>>

Taschendiebe >>>

Eine Fangfrage >>>

Ein spannender Fall >>>

Banküberfall heutzutage >>>

Selbst zum Opfer geworden >>>

 

Wie wird man Polizistin?

Ich habe immer Krimis gelesen ich 14 war, habe ich zu meinen Eltern gesagt: Ich will zur Kripo! Birgit Spier, zuständig für die Taschendiebabteilung

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Polizistin zu werden?

Als ich 14 war, habe ich zu meinen Eltern gesagt: Ich will zur Kripo! Woher diese Idee stammt, weiß ich selber nicht. Ich hab immer Krimis gelesen und mir den Beruf spannend und aufregend vorgestellt.

Ist der Beruf denn wirklich spannend?

Er hat schon sehr reizvolle Seiten. Weniger spannend ist die Schreibtischarbeit. Wenn man jemanden fragt, dem die Brieftasche geklaut wurde: „Haben Sie etwas gesehen, würden Sie den Mann wiedererkennen?“ Dann sagt er vielleicht nur „nein“ und trotzdem muss man eine Akte darüber anfertigen.

Frauen bei der Kriminalpolizei

Gibt es viele Frauen bei der Polizei?

In Berlin erstaunlicherweise ja. Ich schätze, dass ihr Anteil bei 50 Prozent liegt. Es gibt allerdings nicht viele Frauen in Führungspositionen, so wie ich. Ich bin Chefin.

Sind Sie die Chefin von der Kripo?

Nein, Chefin des Kommissariats, das sich mit Taschendiebstahl beschäftigt. Es ist das einzige in ganz Berlin. Es gibt sehr viel zu tun, deshalb sind wir viele;  ich habe 50 Mitarbeiter.

 

Gibt es irgendetwas, was Kriminalinspektoren und Kriminalinspektorinnen unterscheidet?

Den Begriff Kriminalinspektor gibt es nur im Krimi. Ich bin Kriminalhauptkommissarin. Frauen müssen dasselbe leisten wie Männer, sie müssen genauso oft zum Schießtraining (zweimal im Jahr) und zum Sporttraining gehen. Jeder Polizeibeamte trägt eine Waffe.

Ist es für Frauen nicht gefährlich?

Manchmal, wenn wir nach Beweismitteln in Wohnungen suchen, schauen wir, dass ein paar Männer dabei sind, die körperlich kräftiger sind. 

Welche Tricks benutzen Taschendiebe?

Warum haben Sie sich auf Taschendiebe spezialisiert?

Das war eher Zufall. Lange habe ich mich mit Einbrechern und Räubern beschäftigt, mit Banküberfällen. Dann wurde ich gefragt, ob ich nicht den Taschendiebsbereich leiten möchte.

Dürfen Sie eingreifen, auch wenn Sie nicht im Dienst sind?

Wenn ich eine Straftat beobachte, greife ich immer ein. Es ist sogar so, dass nicht nur jeder Polizist handeln muss, sondern auch du oder jeder andere das sogar tun darf. Jeder darf einen festnehmen, wenn er meint, der begeht jetzt eine Straftat und darf ihn auch so lange festhalten, bis die Polizei eintrifft.

Interview Kripobeamtin Birgit Spier, zuständig für die Taschendiebabteilung

Werden Taschendiebe oft festgenommen?

Es werden relativ wenig Täter gefasst, leider.

Welche Tricks benutzen Taschendiebe?

Meistens arbeiten sie zu zweit. Einer rempelt an und der Komplize nutzt die Gelegenheit aus, um sich ans Werk beim Opfer zu machen. Es gibt unzählige Tricks, einer besteht darin, das Opfer mit Senf oder Ketchup zu beschmutzen, und es zu beklauen, während es abgelenkt ist. Auf jeden Fall mögen Taschendiebe Gedränge und große Menschenmengen, in der U-Bahn vor allem, also in den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Welche Tricks werden benutzt, um Taschendiebe zu finden?

Taschendiebe gucken genau auf Menschen, auf das, was sie bei sich haben: ob sie z.B. eine Brieftasche versteckt haben. Sie haben einfach einen anderen Blick. Wenn Polizisten einen Verdacht haben, dann bleiben sie an denen dran, so, dass sie möglichst jemanden auf frischer Tat beobachten und festnehmen.

Gibt es mehr Frauen oder mehr Männer unter den Taschendieben?

Ich würde sagen, zu 70 Prozent sind es Männer und zu 30 Prozent Frauen.

Interview Kripobeamtin Birgit Spier, zuständig für die Taschendiebabteilung    Interview Kripobeamtin Birgit Spier, zuständig für die Taschendiebabteilung   Interview Kripobeamtin Birgit Spier, zuständig für die Taschendiebabteilung

Wir durften die Handschellen zum Spaß ausprobieren

Fangfrage an eine Kripo-Beamtin

Haben Sie selber schon einmal geklaut?

Sicherheitsnadeln - Interview Kripobeamtin Birgit Spier, zuständig für die Taschendiebabteilung

Das ist ja eine Fangfrage! Ja,  ich muss gestehen, als ich vielleicht 12, 13 war. Wobei man ja erst  bestraft wird, wenn man 14 ist. Das soll euch jetzt nicht ermuntern, Straftaten zu begehen!

Was haben Sie geklaut?

Mir war die Schlange an der Kasse im Kaufhaus zu lang, so habe ich ein paar Sicherheitsnadeln in die Tasche gesteckt. Ich hatte ein tierisch schlechtes Gewissen dabei. Und ich habe es seitdem nie wieder gemacht.

Gab es denn keine Videokamera?

Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Es ist immer gut, wenn Kinder oder Jugendliche möglichst schnell erwischt werden, damit sie mitkriegen, dass es nicht der richtige Weg ist. Aber  jedes Kind testet irgendwann seine Grenzen aus, und es kommt oft vor, dass sie es so machen wie ich.

Hat man Sie damals geschnappt?

Nein, ich habe es auch keinem erzählt.

Banküberfall in Berlin-Zehlendorf 1995 - Interview Kripobeamtin Birgit Spier, zuständig für die Taschendiebabteilung

Ein spannender Fall

Was war Ihre spannendste Untersuchung?

Das war ein Banküberfall Mitte der 1990er Jahre. Die Täter haben einen 100 Meter langen Tunnel gebuddelt und sind direkt unter einer Bank rausgekommen, so dass sie nur noch die Decke durchstoßen mussten. Dann haben sie die Bank überfallen und die Mitarbeiter als Geiseln genommen. Sie wollten 10 Millionen DM Lösegeld haben. Dann verhandelte die Polizei mit den Tätern. Es gab große Absperrungen draußen um die Bank herum.  Zunächst passierte nichts, bis die Polizei sich entschied, die Bank zu stürmen, um die Geiseln zu befreien  und die Täter festzunehmen.

Und hat es geklappt?

Das Komische war, dass alle Geiseln da waren, gefesselt, aber die Täter waren weg. Sie hatten  alle Schließfächer aufgebrochen, es sah ziemlich wild aus. Dann hat man im Keller die Öffnung zum Tunnel gefunden. Den hatten sie als Fluchtweg benutzt. Und der Tunnel ging so weit, dass die Täter außerhalb der Polizeiabsperrung rausgekommen waren. Das war natürlich schlau gemacht.

 So steckt ein Revolver in der Tasche - Interview Kripobeamtin Birgit Spier, zuständig für die Taschendiebabteilung

Wurden sie dann geschnappt?

Ja, weil so eine Buddelei natürlich auffällt.  Man konnte auch sehen, wo die rausgekommen sind:  in einer Kleingartenkolonie. Dann gab es doch relativ viele Zeugen. Sie hatten sich ein ganzes Jahr darauf vorbereitet, in einem Jahr legt man natürlich viele Spuren. Ihr müsst euch mal vorstellen, wenn man so einen langen Tunnel  gräbt, kommt zum Beispiel unheimlich viel Sand zusammen und der muss irgendwo hin. Von daher konnten  alle Täter ermittelt werden, wir haben aber nicht das ganze Geld wiedergefunden.

Wie haben die Täter gewusst, dass unter der Erde keine Rohre sind?

Sie haben sich gut vorbereitet bzw. sie haben sogar ein Rohr für sich genutzt. Sie haben von dem Garten bis zu einem Abwasserrohr gebuddelt und dann haben sie sich in diesem Abwasserrohr mit einem Skateboard fortbewegt. In so einem Rohr muss man ja liegen, weil man sich nicht aufrecht bewegen kann.

 Banküberfall in Berlin-Zehlendorf 1995- Interview Kripobeamtin Birgit Spier, zuständig für die Taschendiebabteilung

Aber da ist doch Abwasser drin!

Ja, da steht immer ein bisschen Wasser, aber nicht viel. Das war ein relativ großes Rohr. Ein bisschen nass geworden sind sie sicherlich und dann haben sie von dem Rohr ein Stück ausgeschnitten  und von diesem Rohr aus wieder einen weiteren Tunnel zu der Bank gebaut. Sie waren schon gut vorbereitet!

Banküberfälle heute

 So steckt ein Revolver in der Tasche - Interview Kripobeamtin Birgit Spier, zuständig für die Taschendiebabteilung. Wie wird man Polizistin - Alltag und Arbeit einer Kripobeamtin

Passieren viele Banküberfälle nach dieser Methode?

Normalerweise stürmen die Täter die Bank, also sie gehen schnell rein, halten Waffen vor, fordern Geld  und gehen schnell wieder raus. Aber heutzutage gibt es gar nicht mehr so viele Banküberfälle.

Warum nicht?

Früher gab es eine Kasse voll mit Geld, und wenn der Täter den Kassierer bedroht hat, musste er das Geld rausgeben. Heutzutage gibt es automatische Kassentresore, da müssen die Angestellten irgendeine Nummer eingeben und dann kommt das Geld von unten hochgefahren.  Ich kann mich erinnern, 1997 gab es 96 Banküberfälle,  heute gibt es fünf bis zehn im Jahr.

Wir haben viel gegen Einbrüche in  Einfamilienhäusern   ermittelt und dabei Leute auf frischer  Tat ertappt - Interview Kripobeamtin Birgit Spier, zuständig für die Taschendiebabteilung

Haben Sie schon oft jemanden festgenommen?

Ja! Meistens wegen Raubes oder Einbruchs. Wir haben viel gegen Einbrüche in Einfamilienhäusern   ermittelt und dabei Leute auf frischer Tat ertappt. Sie sind aus dem Haus geflüchtet und wir sind dann hinterher und  haben sie festgenommen. Das ist immer sehr aufregend, weil man ja nie weiß, was passiert.

Das ist doch gefährlich!

Genau, wir tragen auch Schutzwesten. Man weiß nicht, wie viele Täter da sind. Deshalb sollte man  nie alleine als Polizist aktiv werden, sondern immer warten, bis Unterstützung kommt. In Krimis ist es immer ganz anders: Leute laufen alleine los und gehen in eine Wohnung und wollen jemanden festnehmen. Das ist sehr unrealistisch, das passiert eigentlich nie.

Haben Sie denn Angst?

Angst nicht, aber ich bin aufgeregt und so eine gewisse Unsicherheit macht auch wieder aufmerksam.

Wenn eine Kriminalbeamtin zum Opfer eines Taschendiebes wird

Wenn eine Kriminalbeamtin zum Opfer eines Taschendiebes wird: Interview Kripobeamtin Birgit Spier, zuständig für die TaschendiebabteilungWurde Ihnen auch schon mal etwas geklaut?

Ja, in einem Lokal. Wie üblich, hängt man seine Jacke über den Stuhl und in der Jackeninnentasche ist dann die Brieftasche. Es gibt Täter, die gehen in Gaststätten und  setzen sich dann auf den Stuhl hinter einem – Rücken an Rücken – und fangen an, entweder unter der Jacke durchzufummeln oder sie gehen sogar durch den Ärmel durch, und ziehen die Brieftasche durch den Ärmel wieder zurück.

Wie arbeiten denn die professionellen Taschendiebe?

Die richtig Guten nehmen sich die Brieftaschen raus, nehmen sich das Bargeld, also die großen Scheine, und packen die Brieftasche wieder zurück. Die Gefahr, dass sie erkannt werden, ist größer, weil sie zweimal agieren müssen. Aber der Vorteil ist, dass sie nur Bargeld bei sich haben, wenn sie ertappt werden. Da kann man schlecht beweisen, dass es geklaut ist.

Interview Kripobeamtin Birgit Spier, zuständig für die Taschendiebabteilung

Wie haben Sie reagiert, als Sie bestohlen wurden?

Die Diebe waren schon weg. Meine Freundin saß direkt gegenüber und sie hat auch nichts mitgekriegt. Das war kein gutes Gefühl, zumal man als Polizist denkt, man sei davor gefeit. Aber es kann uns genauso treffen.

Interview: Alice, Clara, Chloé, Emmanuelle & Zoë
Zeichnungen: Alica, Emmanuelle Chloé & Mélodie
Text & Fotos: © Grand méchant loup | Böser Wolf   – 2011
www.boeser-wolf.schule.de